Nach unserer Walking Tour hatten wir uns im Vorfeld überlegt, was wir sonst noch so an diesem ersten vollen Tag in Kapstadt machen wollten. Zur Wahl standen noch eine weitere Tour, eine geführte Radtour, ein „freies Schlendern“ an der VA Waterfront entlang oder eine Schifffahrt.
Zu der Fahrt mit dem Boot mussten wir zum Ableger am „Nelson Mandela Ferry Terminal“. Was in der Theorie einfach ist, allerdings sehr kompliziert wird, wenn man Google Maps vertraut. Die Routenführung half zwar zuerst schon etwas und schickte uns gleich in die richtige Richtung.
Die Victoria & Alfred Waterfront (abgekürzt V&A Waterfront) ist eine Areal rund um die beiden historischen Becken des Hafens von Kapstadt, was heute ein restauriertes Werft- und Hafenviertel ist. Ähnlich wie die Speicherstadt in Hamburg oder die Docklands in London. Sehr modern, sehr westlich.
Die Preise sind hier aber auch entsprechend, wie ein kurzer Blick verriet.
Das mit der Wegeführung war allerdings schwer, denn für unsere 13 Uhr Abfahrt sollten wir mindestens 15 Minuten vorher da sein. Und 20 Minuten vor der Abfahrt standen wir vor der Einfahrt einer Tiefgarage und erklärten einem sehr überraschten Security-Mann, wohin wir denn wollen. Nach der Anweisung „an der Waschanlage in der Tiefgarage vorbei, zum Schild P2 und dann mit dem Aufzug hoch“ kamen wir dann aber noch relativ pünklich an. Also … nach deutschen Verhältnissen „pünklich“.
Denn obwohl ein Boot irgendwann ankam, unserer Abfahrt sollte erst so um halb 2, viertel vor 2 starten. Mit einem anderen Boot. Was erst noch kommt. Welcome to africa!
Wohin es nun geht? Nun, zu einer Insel, die von den Niederländern aufgrund der vielen Robben schlicht „Robben Island“ getauft wurde.
5 Kilometer vor Kapstadts Innenstadt gelegen liegt die Insel, die man heute mit Fug und Recht als Symbol des Kampfes gegen die Unterdrückung der Apartheidzeit sehen kann. Unter anderem aufgrund ihrer berühmten Insassen, die aus politischen Gründen hier unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten wurden, allen voran natürlich Nelson Mandela. Seit 1997 ist Robben Island ein Museum, seit 1999 Weltkulturerbe.
Unsere „Zweitfähre“ stand dann auch irgendwann bereit und so ging es auf einen kleinen Seelenverkäufer, der im krassen Gegensatz zum schnellen Katamaran stand. Dafür aber mit einem offenen Deck glänzen konnte.
Was dann aber durch eine südafrikanische Schulklasse wieder leicht ins Negative gezogen wurde, denn die jungen Menschen waren voller Zucker und Fett durch diverse Colas und Chipstüten und konnten einfach nicht still sitzen.
Aber dann ging es los auf die gut 45 Minuten lange Fahrt. Der moderne Katamaran braucht übrigens nur 30 …
Viel Betrieb im Hafen als wir ausfuhren.
Und dann gab es einfach einen fantastischen Ausblick auf Kapstadt. Schon schön hier!
Unterhaltung gab es neben den aufgedrehten SchülerInnen auch durch ein paar tierische Begegnungen mit Seehunden …
… noch mehr Seehunden …
… und noch ein paar Seehunden.
Wobei: Ein paar Delfine haben wir sogar am Anfang der Reise auch gesehen, davon gab es aber keine Bilder, weil die Kamera zu spät aus dem Rucksack gezogen werden konnte.
Ansonsten zog sich die Fahrt etwas und man begann sogar ein vor Anker liegendes Containerschiff als Highlight zu sehen.
Leider hatten wir unser Tablet nicht dabei, was uns in solchen Momenten ja immer mit diversen Spielen wie Kniffel oder sowas unterstützt.
Aber irgendwann waren wir dann auch da, begrüßt von einer Horde Seevögel. Wie aus einem Hitchcock-Film, bereit zum Angriff.
Die Tour auf Robben Island ist im Fährpreis inbegriffen und besteht aus zwei Teilen: Einer geführten Bustour mit einem Guide und einer Führung durch das Lager von einem ehemaligen Insassen. Begonnen wird mit der Tour, für die wir zu einem bereitstehenden Bus gescheucht wurden.
Robben Island misst 3,2 Kilometer in Nord-Süd-Richtung und 1,7 Kilometer von West nach Ost und hat insgesamt eine Fläche von knapp über 500 Hektar. Die Insel war schon immer gut als Gefängnisinsel geeignet, da Fluchtversuche wegen der Entfernung zum Land und der kalten, gefährlichen Strömung praktisch aussichtslos waren und Kapstadt schon früh dicht besiedelt war. Daher wurde sie bereits im 17. Jahrhundert als Sträflingskolonie benutzt.
Nachdem der Kaufmann Jan van Riebeeck 1652 in der Bucht unter dem Tafelberg landete, begann er bald mit den Einheimischen zu handeln beziehungsweise Güter zu tauschen. Allerdings wurden schon bald erste Aufwiegler unter den Khoikhoi auf der Insel interniert.
Nachdem um 1658 die ersten Malayen als Plantagenarbeiter ankamen, durfte unter dem Imam Shaykh Yusuf auch bald der Islam am Kap ausgeübt werden. Um 1785 wurde mit Abdullah Qadi Abdussalam, auf unserer Bo-Kaap Tour unter dem Namen Tuan Guru genannt, erstmals ein prominenter Muslim auf Robben Island deportiert. In dieser Zeit soll er den Koran auswendig niedergeschrieben haben.
Und so ging es weiter: Die jeweils Herrschenden nutzten Robben Island als Gefängnisinsel, manchmal für echte Straftäter, manchmal für politische oder religiöse Gegner und manchmal auch für Sklaven, um den Stein der Insel abzutragen, der für viele Häuser Verwendung fand. Eine Leprakolonie war hier auch mal und das älteste Gebäude der Insel stammte aus dieser Zeit: Die Kirche! Alle andere Gebäude hatte man, da man dachte, dass Lepra ansteckend sei, abgebrannt.
Ab 1939 diente Robben Island als Militärbasis, 1961 wurde es wieder zur Gefangeneninsel. Südafrika internierte hier in der Zeit der Apartheid vor allem politische Gefangene, aber auch Kriminelle. 1991 wurde das Hochsicherheitsgefängnis für politische Gefangene aufgelöst, 1996 auch der Trakt für gewöhnliche Kriminelle. Seit Anfang 1997 ist Robben Island für Besichtigungen freigegeben.
Unser Bus führte uns vorbei an alten Baracken, an Militärlagern und irgendwann auch an dem Steinbruch, wo vor allem während der Apartheid die politischen Gefangenen unter qualvollen Bedingungen Fronarbeit leisten mussten.
In dieser Höhle, eigentlich die Toilette, begannen die Gefangenen sich auszutauschen und beispielsweise denjenigen Gefangenen, die nicht lesen oder schreiben konnten, dieses beizubringen. Die Wärter trauten sich aufgrund des Gestanks nämlich nicht in die Nähe der Höhle.
Ansonsten war dieser Teil der Tour sehr unterhaltsam, unsere Guide hatte ein sehr schönen, dunklen Humor (beispielsweise meinte sie, als ein Handy klingelte „Ok guys, how long should we throw the owner of this mobile into the prison? 4 years?“. Aber es wurde auch hier ernst, als sie ihren „dom pass“, also „Ausweis der Dummen“ zeigte, den jeder nicht weiße Südafrikaner bei sich tragen musste und in dem alles eingetragen wurde, von der Adresse, den Reisen (wenn sie überhaupt erlaubt wurden) und den Arbeitgebern inklusive Bewertungen. Schon krass zu hören.
Tiere gab es quasi zur Auflockerung auch zu sehen.
Alle Guides und Angestellten des Parks leben hier. Es gab sogar mal eine Grundschule, die allerdings inzwischen geschlossen wurde. Auch hier wurde wieder humorvoll gesagt: Es leben aktuell sowohl ehemalige Insassen als auch ehemalige Wärter nebeneinander und es funktioniert. Sie hätten sogar eine eigene WhatsApp-Gruppe und Diskussionen gäbe es nur über Fußball, Rugby oder Cricket.
Ein kleiner Zwischenstopp am nach Kapstadt zeigenden Ende der Insel.
Mit der Chance diesen Selfie-Rahmen zu nutzen (haben wir dankend abgelehnt) oder ein Kaltgetränk zu kaufen (wollten wir, gab es aber nicht mehr)
Also ein Selfie vom ersten vollen Tag in Kapstadt.
Ach ja, Vögel gab es hier auch und das in rauen Mengen.
Sehr beeindruckend.
Was dann aber folgte, wird uns noch lange beschäftigen, denn jetzt ging es zum bekannten Straflager.
Ab 1959 erfolgte die Übernahme durch das Justizministerium, welche hier ein Hochsicherheitsgefängnis sowohl für politische Gefangene als auch für gewöhnliche Kriminelle einrichteten. Es wurden in den folgenden Jahren immer mehr politische Häftlinge interniert, vorrangig Führer des Afrikanischen Nationalkongresses ANC und des Panafrikanischen Kongresses PAC. Bekanntester Häftling war halt Nelson Mandela. Weitere eingesperrte bedeutende politische Führer waren Jacob Zuma (ehemaliger Staatspräsident von Südafrika), Kgalema Motlanthe (Staatspräsident 2008/2009), Walter Sisulu (Generalsekretär des ANC) und Robert Sobukwe (Präsidenten des PAC).
Nach der Ankunft wurden die politischen Gefangenen registriert und gemäß Apartheidlogik in Kategorien eingestuft. Es gab schwarze, farbige und asiatische Gefangene. Gegner der Apartheid, welche weißhäutig waren, wurden in anderen Gefängnissen untergebracht. Dann erhielten sie eine Registrierungsnummer. Die letzten 2 Zahlen bedeuteten das Ankunftsjahr, die ersten Zahlen gaben an, der wievielte Gefangene es in demjenigen Jahr war. Nelson Mandela kam als 466. Häftling im Jahre 1964, also 46664.
Asiatische Gefangen bekamen dann Schuhe, eine lange Hose und mehrere Decken. Schwarze Gefangene eine kurze Hose und keine Schule. Und in diesem Stil ging es dann weiter.
In den ersten Jahren waren die Bedingungen extrem hart. Die politischen Gefangenen mussten auf dem kalten Steinboden schlafen, als Unterlage diente nur eine dünne Strohmatratze. Als Toilette diente ein Eimer. Die Zellen waren ca. 4 m² groß und sie mussten teilweise 23 Stunden in den Zellen verbringen, ohne kommunizieren zu können.
Die Wachen waren junge Weiße, alle zwischen 19 und 25 Jahren alt und sie verbrachten maximal ein paar Monate auf der Insel und wurden dann ausgetauscht, weil man Angst hatte, dass sie sich mit den Häftlingen solidarisieren.
Mit unserem Guide Tom, der uns am Eingang in Empfang nahm, ging es auf das Gelände.
Auch hier auf Robben Island betrieb das Apartheidregime das System des Gegeneinander – Ausspielens der verschiedenen Rassen. Prügelstrafen und willkürlicher Essensentzug waren ebenfalls an der Tagesordnung. Anfang der 1970er Jahre wurden aufgrund des internationalen Drucks humanere Bedingungen eingeführt, etwas was Tom mehrfach erwähnte.
Ach ja, zu Tom: Er kam 1969 in das Lager, weil er an einer Demonstration teilgenommen und sie auch etwas koordiniert hat. Offiziell wurde er verklagt, weil er unerlaubt das Land verlassen hat, also im Land gereist war. Was damals ein Grund für diese harte Strafe war.
Er sagte gleich zu Beginn, dass dies der Tag war, an dem er gestorben sei. Nach der Freilassung hat er 5 Jahre gebraucht, um wieder auf seinen Namen zu hören, denn in der Zwischenzeit war er eben nur eine Nummer.
Auch sonst erzählte er, ehrlich gesagt etwas wirr, von seiner Zeit hier, von den anderen Mit-Insassen und auch von den Strafen, die er und die anderen Gefangenen erleiden konnten. Und das mit ziemlich drastischen Worten, wo man den Schmerz richtig spüren konnte. Sogar die Schülerinnen und Schüler unserer Gruppe waren sehr schnell sehr ruhig und ein, zwei Kinder mussten von ihren Eltern weggebracht werden.
Wir wollten das hier gar nicht alles wiedergeben, denn es ist ja weitreichend dokumentiert, welche Greultaten hier stattgefunden haben. Tom sagte auch oft, dass es auch faire Wächter gab aber die waren in der Minderheit und wurden in der Regel auch schneller aussortiert als diejenigen, die quälten und drangsalierten. Auch an der Aufarbeitung, vor allem durch die heutige Regierung hatte Tom einiges auszusetzen, ob gerechtfertigter Weise oder nicht wollen wir gar nicht beurteilen. Aber für ihn wurden die damaligen Insassen auch von den Folgeregierungen in der sogenannten „Rainbow Nation“ verraten und sind heute oft auch sich allein gestellt. Was dann auch für die Familien gilt.
Apropos Familien: Der Kontakt nach außen war stark eingeschränkt. Im Jahr durften nur 12 Briefe geschrieben werden. Diese wurden noch zensiert und es passierte oft, dass nur Bruchteile in leserlichen Zustand außerhalb von Robben Island ankamen. Die Gefangenen selbst durften nur einmal in 6 Monaten Besuch von Verwandten bekommen. Und wer auffällig war, dem wurde das Besuchsrecht auch mal für Jahre entzogen.
Nach dieser doch sehr schwer zu ertragenden Story ging es in eine Baracke.
Hier nochmal die Sachen, die ein nicht-schwarzer Gefangener bekam. Schwarze bekamen nur eine kurze Hose und keine Schule und so mussten sie jeden Tag in dem Steinbuch arbeiten.
Auch beim Essen: Klare Trennung und Kategorisierung. Es war fast schon eklig zu sehen, was Menschen anderen Menschen antun können. Uns erinnerte es natürlich aufgrund der deutschen Geschichte auch relativ schnell an ein Konzentrationslager, nur ohne den offensichtlichen Aspekt der Tötung einer gesamten Religionsgruppe.
Die meisten Häftlinge arbeiteten jeden Tag 4 Stunden in den Steinbrüchen auf Robben Island. Das gleißenden Sonnenlicht, welches durch den weißen Kalkstein extrem blendete, schädigte die Augen der meisten Häftlinge. Einen Augenschutz gab es nicht.
Nelson Mandela hatte zum Beispiel immer eine dunkle Brille auf, weil der feine Staub seine Netzhaut fast komplett zerstört hat und nur durch eine Operation eine komplette Blindheit verhindern konnte.
In späteren Jahren nachdem aufgrund des internationalen Protests die Bedingungen schon verbessert wurden (obwohl man das halt immer sagen kann, wenn man vorher unmenschlich gehandelt hat) durften die Insassen Fußball spielen und schufen sogar eine Liga. Nach dem Abendessen mussten die Häftlinge in ihren Einzelzellen bleiben, nutzen diese Zeit aber, um zu lesen und sogar am Ende zu studieren. Viele der Inhaftierten belegten Kurse an Fernuniversitäten und erlangten im Laufe der Jahre zu mehreren akademischen Graden.
Finale dieser Tour war dann die Zelle von Nelson Mandela.
Und so endete diese Tour. Eine sehr beeindruckende Tour auf vielen Ebenen. Geschichten über diese Insel gibt es genug zu lesen, es gibt Filme, welche die Geschichte korrekt oder verklärt wiedergeben. Aber die Erlebnisse aus dem Mund eines Menschen zu hören, der das am eigenen Leibe und in seinem Leben erfahren hat, ist so viel stärker. Und es macht das Geschehene um so ekliger, unverständlicher und uns wütender, dass sowas passiert ist.
Und die Wut steigt, wenn man sich überlegt, dass auf der Welt immer noch so viele Gruppen von Arschlöchern glauben, so über anderen Menschen zu stehen, dass man diesen so etwas antun kann.
Niemals mehr!
So, inzwischen waren wir übrigens so spät, dass diverse Fähren wieder zurück gefahren sind. Und für uns nur unsere Schaluppe übrig geblieben war, die uns auch hier hin gefahren hat.
Ach ja, von wegen „Fahrzeiten“ und „Fahrplan“ – den kann man hier getrost vergessen. Wir sollten um 13 Uhr losfahren und die Tour sollte inklusive Fährfahrt 4 Stunden dauern. Am Ende sind wir um 13:45 Uhr losgefahren und nach 5 Stunden zurück gekommen.
Und da wir ein Abendessen-Highlight (in das wir noch etwas in Stimmung kommen müssen nach diesem Nachmittag) gebucht hatten, hieß das für uns: Schnell irgendwo hin, wo ein Uber uns zum Guest House bringen kann. Duschen und dann das nächste Uber ab zum Restaurant.
Aber das klappte mit „deutscher Planung“ dann halbwegs, denn die Fährzeit nutzten wir für einen Gameplan wo wir hin müssen und wann wir ein Uber brauchen.
Ein äußerst beeindruckender Nachmittag über ein dunkles Thema der südafrikanischen Geschichte. Was aber niemals in Vergessenheit geraten darf. Das mussten wir alle Tom versprechen und dieses Versprechen werden wir auch einhalten!